Veröffentlicht am März 15, 2024

Der Schlüssel zu einer unverwechselbaren Marke liegt nicht in kreativen Slogans, sondern in einem steuerbaren Regelwerk für Ihre Unternehmenssprache.

  • Ein präzises Corporate Wording minimiert rechtliche und reputative Risiken systematisch.
  • Es schafft eine skalierbare Markenkonsistenz über alle Kanäle und Mitarbeiter hinweg.

Empfehlung: Betrachten Sie Ihre Sprache nicht als Stilfrage, sondern als wertvolles, messbares Unternehmens-Asset, das aktiv gemanagt werden muss.

In jedem Unternehmen existiert er: der sprachliche „Wildwuchs“. Die Marketingabteilung kommuniziert anders als der Vertrieb, der Support anders als die Geschäftsführung auf LinkedIn. Das Ergebnis ist ein inkonsistentes Markenbild, das nicht nur Kunden verwirrt, sondern auch handfeste Risiken birgt. Viele Manager reagieren darauf mit dem bekannten Ratschlag: „Wir müssen einfach konsistenter sein.“ Sie erstellen vage Markenwerte und hoffen, dass die Mitarbeiter diese schon irgendwie in die richtige Tonalität übersetzen werden. Dieser Ansatz ist zum Scheitern verurteilt, weil er die eigentliche Ursache des Problems ignoriert.

Die landläufige Meinung, Corporate Wording sei primär eine Frage von Kreativität und Markenstil, greift zu kurz. Ein Styleguide, der nur Adjektive wie „innovativ“ oder „nahbar“ auflistet, ist in der Praxis nutzlos. Er beantwortet nicht die kritischen Fragen des Alltags: Wie formulieren wir eine Absage, ohne arrogant zu klingen? Welche Begriffe sind im Support aus rechtlichen Gründen tabu? Wie flexibel darf unsere Sprache auf Social Media sein, ohne den Markenkern zu verwässern? Die wahre Herausforderung liegt nicht in der Definition eines vagen Stils, sondern in der Etablierung eines präzisen, skalierbaren und anwendbaren Systems.

Doch was wäre, wenn die Lösung nicht darin bestünde, die Kreativität der Mitarbeiter durch starre Regeln zu beschneiden, sondern ihnen ein klares Regelwerk an die Hand zu geben, das Sicherheit schafft und Freiräume definiert? Dieser Artikel bricht mit der Vorstellung von Corporate Wording als reinem Marketing-Instrument. Wir behandeln Unternehmenssprache als das, was sie ist: ein strategisches Asset zur Risikominimierung und Wertsteigerung. Es geht darum, ein robustes System zu etablieren, das Missverständnisse reduziert, die Effizienz steigert und Ihre Marke letztlich unverwechselbar und wertvoller macht.

Dieser Leitfaden ist für Kommunikations- und Markenverantwortliche konzipiert, die den sprachlichen Wildwuchs nicht länger nur beschneiden, sondern an der Wurzel packen wollen. Wir werden die strategischen Hebel beleuchten, die Ihre Unternehmenssprache von einem unkalkulierbaren Risiko in einen messbaren Erfolgsfaktor verwandeln.

Welche Begriffe darf Ihr Support niemals verwenden, um rechtliche Risiken zu vermeiden?

Im Kundensupport entscheidet jedes Wort nicht nur über die Kundenzufriedenheit, sondern auch über potenzielle rechtliche Konsequenzen. Eine unbedachte Formulierung kann schnell als verbindliche Zusage, irreführende Werbung oder sogar als Datenschutzverstoß gewertet werden. Das kommunikative Risiko ist hier besonders hoch, da Support-Mitarbeiter unter Druck schnell und lösungsorientiert agieren müssen. Ein klar definiertes Regelwerk ist daher kein „Nice-to-have“, sondern eine juristische Notwendigkeit, um teure Abmahnungen oder Schadensersatzforderungen zu vermeiden.

Die Gefahr lauert oft im Detail. Absolute Versprechen wie „garantiert“, „immer sicher“ oder „niemals fehlerhaft“ sind ohne eine wasserdichte rechtliche Grundlage extrem riskant. Laut dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) müssen solche Aussagen über Produkteigenschaften belegbar sein. Eine Studie der IT-Recht Kanzlei warnt, dass bereits eine einzige unzulässige E-Mail zu Schadensersatz führen kann. Anstatt bindender Zusicherungen sollten Mitarbeiter geschult werden, eingeschränkte Formulierungen wie „nach unserem aktuellen Kenntnisstand“ oder „in der Regel“ zu verwenden.

Ein weiterer kritischer Bereich ist der Datenschutz. Die Krauss GmbH analysiert in einer Fallstudie zur DSGVO-konformen Kommunikation, wie schnell unbedachte Aussagen problematisch werden. Der Satz „Ich sehe in Ihrer Bestellhistorie, dass Sie bereits Produkt X gekauft haben“ kann ohne explizite Einwilligung als unzulässige Datenverarbeitung interpretiert werden. Eine rechtssichere Alternative wäre: „Zu Ihrem Anliegen: Können Sie mir bitte Ihre letzte Bestellnummer nennen?“ oder eine generische Antwort ohne direkten Datenbezug. Die Erstellung einer „Wording-Blacklist“ für den Support ist somit ein zentraler Baustein des Risikomanagements. Diese Liste sollte verbotene Begriffe und riskante Formulierungen enthalten und durch sichere Alternativen ergänzt werden.

Letztlich schützt eine präzise Support-Sprache nicht nur das Unternehmen, sondern gibt auch den Mitarbeitern die Sicherheit, im Kundenkontakt kompetent und regelkonform zu agieren.

LinkedIn vs. Geschäftsbericht: Wie flexibel darf Ihre Markenstimme sein, ohne den Kern zu verlieren?

Eine Marke, eine Stimme – dieses Mantra ist zwar richtig, führt aber oft zu einer rigiden Uniformität, die auf unterschiedlichen Kanälen deplatziert wirkt. Die formelle, datenlastige Sprache eines Geschäftsberichts wäre auf einer dialogorientierten Plattform wie LinkedIn ein fataler Fehler. Umgekehrt würde der lockere Ton eines Social-Media-Posts in einem Aktionärsbrief die Seriosität untergraben. Die Lösung liegt nicht in einer starren Einheitsstimme, sondern in einem strategisch definierten Tonalitätskorridor. Dieses Konzept basiert auf einem stabilen Markenkern („Core“) und einer flexiblen Anpassung an den jeweiligen Kanal und die Zielgruppe („Flex“).

Der Markenkern ist unverhandelbar. Er umfasst die Kernbotschaften, zentrale Werte und unveränderliche Sprachelemente wie Produktnamen oder rechtliche Formulierungen. Die Flexibilität entsteht durch die Anpassung von vier Dimensionen der Tonalität:

  • Ansprache: Persönlich und dialogorientiert („Wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen!“) auf LinkedIn vs. formal und distanziert („Das Unternehmen stärkte seine Marktposition.“) im Geschäftsbericht.
  • Satzbau: Kurze, prägnante Sätze (unter 15 Wörtern) für die schnelle Aufnahme auf Social Media vs. komplexere Satzgefüge für detaillierte Erläuterungen in Fachtexten.
  • Emotionalität: Begeisterung und persönliche Einblicke sind auf sozialen Netzwerken erwünscht, während im formellen Reporting Sachlichkeit und Neutralität dominieren.
  • Fachjargon: Auf Expertenkanälen ist er angebracht, in der breiten Öffentlichkeit sollte er vermieden oder zumindest erklärt werden.

Das folgende Schaubild visualisiert dieses Prinzip der kontrollierten Flexibilität. Der Kern bleibt stabil, während sich die Ausdrucksform an den Kontext anpasst, vergleichbar mit Lichtstrahlen, die durch ein Prisma in verschiedene Farben aufgefächert werden, aber aus derselben Quelle stammen.

Core & Flex Modell für flexible Markenkommunikation visualisiert, das einen stabilen Kern und flexible Anpassungen an verschiedene Kanäle zeigt.

Die Herausforderung besteht darin, diesen Tonalitätskorridor klar zu definieren. Ein gut gemachtes Wording-Manual legt nicht nur fest, wer die Marke ist, sondern auch, wie sie in verschiedenen Kontexten klingt. Die folgende Tabelle verdeutlicht die konkreten Unterschiede am Beispiel von LinkedIn und einem Geschäftsbericht und zeigt, wie der gleiche Markenkern unterschiedlich interpretiert werden kann, ohne seine Identität zu verlieren.

LinkedIn vs. Geschäftsbericht – Tonalität im Vergleich
Kanal LinkedIn-Post Geschäftsbericht
Ansprache Persönlich, dialogorientiert Formal, distanziert
Satzbau Kurz, prägnant (max. 15 Wörter) Komplex, detailliert
Emotionalität ‚Wir freuen uns auf den Austausch!‘ ‚Die Messepräsenz stärkte die Marktposition‘
Fachbegriffe Minimaler Einsatz, erklärt Branchenüblich, vorausgesetzt

Durch die Definition eines solchen Korridors wird die Markenstimme nicht nur konsistent, sondern auch kontextsensitiv und damit deutlich wirkungsvoller.

Wie bringen Sie 500 Mitarbeitern bei, die neue Unternehmenssprache im E-Mail-Verkehr auch wirklich zu nutzen?

Der beste Wording-Leitfaden ist wertlos, wenn er in der Schublade verstaubt und die Mitarbeiter im Alltagsstress auf ihre alten Sprachgewohnheiten zurückfallen. Die Implementierung einer neuen Unternehmenssprache in einer großen Organisation ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Change-Management-Prozess. Sanktionen und strenge Kontrollen führen meist zu Widerstand und lähmen die Motivation. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer Kombination aus klaren Werkzeugen, positiver Verstärkung und der Etablierung einer unterstützenden Kultur.

Ein herausragendes Beispiel für eine erfolgreiche Implementierung liefert IKEA Deutschland. Wie Pressesprecherin Sabine Nold erklärt, sorgt eine zentrale Übersetzungsabteilung dafür, dass alle Informationen so aufbereitet werden, dass jeder Mitarbeiter sie versteht. Diese schwedische Klarheit wird konsequent in allen 53 deutschen Einrichtungshäusern umgesetzt. Der Erfolg von IKEA zeigt: Skalierbarkeit beginnt mit einfachen, verständlichen Regeln und zentral bereitgestellten Ressourcen.

Fallstudie: IKEA Deutschland

IKEA Deutschland setzt auf eine zentrale Übersetzungsabteilung, die für Marketing und PR arbeitet. Pressesprecherin Sabine Nold erklärt: Alle Informationen werden so heruntergebrochen, dass jeder Mitarbeiter sie versteht. Die schwedische Klarheit wird konsequent in allen 53 deutschen Einrichtungshäusern umgesetzt – von der internen Kommunikation bis zum Kundenkontakt. Dies stellt sicher, dass die Markenstimme über alle Touchpoints hinweg einheitlich und verständlich bleibt.

Für die breite Masse der Mitarbeiter, insbesondere im E-Mail-Verkehr, sind praktische Hilfsmittel entscheidend. Dazu gehören unternehmensspezifische Textbausteine für Outlook oder Gmail, die die korrekte Tonalität und Formulierung vorgeben. Ein weiterer Hebel ist die Implementierung eines „Wording-Champion“-Programms. Dabei werden motivierte Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen zu Botschaftern der neuen Sprache ausgebildet. Sie dienen als erste Anlaufstelle für Kollegen und fördern die Anwendung durch positive Beispiele. Gamification-Elemente, wie die wöchentliche Prämierung der besten „Vorher-Nachher“-Textbeispiele im Intranet, können die Motivation zusätzlich steigern. Auch die frühzeitige Einbindung des Betriebsrats ist in Deutschland entscheidend, da sprachliche Vorgaben mitbestimmungspflichtig sein können.

Letztlich geht es darum, Anreize statt Sanktionen zu schaffen. Wenn Mitarbeiter erkennen, dass die neue Sprache ihre Arbeit erleichtert und die Kommunikation erfolgreicher macht, wird die Anwendung zur Selbstverständlichkeit.

Gendern oder nicht: Wie entscheiden Sie strategisch richtig für Ihre spezifische Zielgruppe?

Die Debatte um geschlechtergerechte Sprache ist in Deutschland emotional und komplex. Für Unternehmen ist die Entscheidung keine Frage der persönlichen Vorliebe, sondern eine strategische Positionierung, die die Markenwerte, die Zielgruppe und rechtliche Aspekte wie Barrierefreiheit berücksichtigen muss. Eine pauschale Regel gibt es nicht; die richtige Lösung hängt vom spezifischen Kontext Ihres Unternehmens ab. Anstatt einer ideologischen Entscheidung bedarf es einer datenbasierten Analyse, um die für Ihre Marke und Zielgruppe passende Form der Ansprache zu finden.

Ein entscheidender, oft übersehener Faktor ist die digitale Barrierefreiheit. Screenreader, die von blinden und sehbehinderten Menschen genutzt werden, interpretieren Sonderzeichen im Wortinneren sehr unterschiedlich. Während der Doppelpunkt (z.B. „Mitarbeiter:innen“) oft zu einer kurzen Pause führt, wird das Gendersternchen („Mitarbeiter*innen“) häufig als „Stern“ vorgelesen, was den Lesefluss erheblich stört. Eine aktuelle Stellungnahme des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV) von 2024 zeigt, dass aus Gründen der Barrierefreiheit neutrale Formulierungen („Team“, „Mitarbeitende“) oder die Beidnennung („Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“) den Sonderzeichen vorzuziehen sind. Das Sternchen wird dabei als am wenigsten barrierefrei eingestuft.

Die strategische Entscheidung sollte auf einer Analyse von drei Faktoren beruhen: 1. Zielgruppen-Akzeptanz: Wie positioniert sich Ihre Kernzielgruppe? In konservativen Branchen kann die Beidnennung die sicherste Wahl sein, während in progressiven Bereichen wie Medien oder NGOs der Doppelpunkt etabliert ist. 2. Barrierefreiheit: Wenn Ihre Kommunikation öffentlich ist oder gesetzlichen Anforderungen an Barrierefreiheit unterliegt (z.B. bei öffentlichen Auftraggebern), haben neutrale Formen und die Beidnennung klare Vorteile. 3. Marken-Fit: Passt die gewählte Form zur Tonalität Ihrer Marke? Eine junge, moderne Marke kann den Doppelpunkt als Zeichen der Zeit nutzen, während eine auf Tradition und Stabilität setzende Marke mit der Beidnennung besser beraten ist.

Die folgende Tabelle bietet eine Orientierung, welche Methode für welche Branche und unter dem Aspekt der Barrierefreiheit sinnvoll sein kann.

Gender-Methoden nach Barrierefreiheit und Zielgruppe
Methode Screenreader-Ausgabe Barrierefreiheit Empfohlene Branchen
Doppelpunkt (:) Pause oder ‚Doppelpunkt‘ Mittel Tech, Medien
Sternchen (*) ‚Stern‘ Niedrig Aktivismus, NGO
Neutrale Form Normal Hoch Behörden, Bildung
Beidnennung Normal Hoch Traditionelle Branchen

Indem Sie die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Gender-Form strategisch und datengestützt treffen, vermeiden Sie nicht nur Kritik, sondern positionieren Ihre Marke bewusst und nachvollziehbar im gesellschaftlichen Diskurs.

Wie Sie in kritischen Situationen kommunizieren, ohne kalt oder panisch zu wirken?

In einer Krise – sei es ein Produktrückruf, ein Datenleck oder ein Shitstorm – wird die Unternehmenssprache zum Seismographen für die Vertrauenswürdigkeit der Marke. Jede Formulierung wird auf die Goldwaage gelegt. Ein falscher Ton, eine zu späte Reaktion oder juristisch verklausulierte Phrasen können den Schaden exponentiell vergrößern. Panische, unkoordinierte Statements wirken ebenso fatal wie eine kalte, distanzierte Sprache, die Empathie vermissen lässt. Erfolgreiche Krisenkommunikation basiert auf einem vorbereiteten Regelwerk, das Schnelligkeit, Empathie und Kontrolle vereint.

Ein bewährtes Modell für die Struktur von Krisen-Statements ist das A-B-C-D Framework. Es gibt eine klare, logische Abfolge vor, die hilft, die Kontrolle über die Erzählung zu behalten und gleichzeitig menschlich zu wirken:

  • A – Acknowledge (Anerkennen): Beginnen Sie damit, die Situation und die Sorgen der Betroffenen unmissverständlich anzuerkennen. Beispiel: „Wir nehmen die Situation sehr ernst und verstehen Ihre Bedenken.“ Dies signalisiert Empathie und verhindert den Eindruck, das Problem zu verharmlosen.
  • B – Bridge (Brücke bauen): Schlagen Sie eine Brücke vom Problem zur Lösung, indem Sie Ihre oberste Priorität benennen. Beispiel: „Unsere oberste Priorität ist die Sicherheit unserer Kunden, daher haben wir sofort gehandelt.“
  • C – Control (Kontrolle zeigen): Demonstrieren Sie Handlungsfähigkeit, indem Sie konkrete, bereits eingeleitete Maßnahmen aufzählen. Beispiel: „Folgende konkrete Maßnahmen wurden bereits eingeleitet: [Liste der Maßnahmen].“ Dies verschiebt den Fokus von der Panik zur Problemlösung.
  • D – Delineate (Abgrenzen und Ausblick geben): Grenzen Sie den Zeitrahmen für die nächsten Schritte klar ein und geben Sie einen verbindlichen Ausblick. Beispiel: „In den kommenden 48 Stunden werden wir Sie über jeden Fortschritt informieren.“

Dieses Framework funktioniert wie ein verbaler Notfallkoffer. Es liefert eine Struktur, die in Stresssituationen Sicherheit gibt und verhindert, dass wichtige kommunikative Elemente vergessen werden. Die genauen Formulierungen müssen natürlich an die jeweilige Krise angepasst werden, aber die Grundstruktur bleibt als stabiles Gerüst erhalten. Die größte Herausforderung ist, trotz des vordefinierten Rahmens authentisch und nicht roboterhaft zu klingen. Dies erfordert Training und die Vorbereitung von Textbausteinen, die Raum für individuelle Anpassung lassen.

Eine in Krisenzeiten widerstandsfähige Sprache ist kein Zufall, sondern das Ergebnis strategischer Vorbereitung. Sie schützt die Reputation des Unternehmens, wenn es am verletzlichsten ist.

Wie setzen Sie Richtlinien durch, ohne die Kreativität der Mitarbeiter zu ersticken?

Die Einführung eines Corporate Wording wird oft mit der Angst vor kreativer Bevormundung assoziiert. Mitarbeiter, insbesondere in kreativen Abteilungen wie Marketing oder Content-Erstellung, befürchten, dass starre Regeln ihre Arbeit auf das Abarbeiten von Textbausteinen reduzieren. Diese Sorge ist berechtigt, wenn Corporate Wording als reines Kontrollinstrument missverstanden wird. Ein moderner Ansatz verfolgt jedoch ein anderes Ziel: Er will Mitarbeiter nicht gängeln, sondern sie befähigen („Style Education“). Das Regelwerk dient nicht dazu, Kreativität zu ersticken, sondern ihr einen sicheren und markenkonformen Rahmen zu geben.

Der Schlüssel liegt in der strategischen Trennung zwischen „Hard Rules“ und „Soft Guidelines“. Diese Differenzierung schafft Klarheit darüber, wo Konformität zwingend ist und wo kreativer Spielraum existiert.

  • Hard Rules (Harte Regeln): Diese sind nicht verhandelbar. Dazu gehören rechtlich bindende Formulierungen (z.B. im Impressum), die korrekte Schreibweise von Produkt- und Markennamen, Compliance-Vorgaben und definierte Tabu-Wörter. Hier geht es um die Minimierung von Risiko und die Sicherung der formalen Konsistenz.
  • Soft Guidelines (Weiche Leitlinien): Diese beschreiben den Tonalitätskorridor der Marke. Sie geben Orientierung, ohne jede Formulierung vorzuschreiben. Anstatt zu sagen „Verwenden Sie immer Adjektiv X“, könnte die Leitlinie lauten: „Unsere Sprache ist aktiv und lösungsorientiert. Bevorzugen Sie Verben statt Substantivierungen.“ Hier wird das „Wie“ der Kommunikation gelenkt, nicht das „Was“.

Ein exzellentes Beispiel für diesen Ansatz liefert die Agentur Liebchen+Liebchen. Sie entwickelt für ihre Kunden Corporate Wording Manuals nicht als starres Gesetzbuch, sondern als Instrument der „Style Education“. Mitarbeiter werden befähigt, die Marke flexibel aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und die Tonalität je nach Kanal und Zielgruppe innerhalb des definierten Korridors anzupassen. Die klaren Freiräume für Kreativität bei gleichzeitiger Markenkonsistenz sind das Kernstück dieses Erfolgsmodells. Anstatt die Einhaltung durch Kontrolle zu erzwingen, wird die Kompetenz der Mitarbeiter gestärkt, die Marke eigenverantwortlich sprachlich zu vertreten.

So wird das Corporate Wording nicht zum Feind der Kreativität, sondern zu ihrem strategischen Partner, der sicherstellt, dass jede kreative Idee auch auf die Marke einzahlt.

Wie Sie 30% Ihres Textes streichen, um die Aussagekraft zu verdoppeln?

In einer Welt der Informationsüberflutung ist Prägnanz kein Stilmittel, sondern eine Notwendigkeit. Lange, verschachtelte Sätze und unnötige Füllwörter schwächen nicht nur die Botschaft, sie kosten auch die wertvolle Zeit des Lesers. Die Fähigkeit, Texte zu verdichten und auf den Punkt zu bringen, ist eine der wirkungsvollsten Techniken im Corporate Wording. Das Ziel ist nicht, Informationen wegzulassen, sondern sie so effizient wie möglich zu vermitteln. Oft lässt sich durch das konsequente Streichen von Ballast die Aussagekraft eines Textes verdoppeln, während sein Umfang um ein Drittel reduziert wird.

Zwei Hauptfeinde der Prägnanz in der deutschen Sprache sind Füllwörter und der Nominalstil. Füllwörter wie „eigentlich“, „quasi“, „gewissermaßen“ oder „durchaus“ schleichen sich oft unbemerkt in Texte ein. Sie blähen Sätze auf, ohne einen Mehrwert zu bieten, und signalisieren oft Unsicherheit. Eine konsequente „Füllwort-Diät“ ist der erste Schritt zu klareren Texten. Erstellen Sie eine Liste von etwa 20 typischen Füllwörtern und durchsuchen Sie jeden Text vor der Veröffentlichung gezielt danach. In den meisten Fällen können diese Wörter ersatzlos gestrichen werden, was den Text sofort stärker und direkter macht.

Der zweite Hebel ist die Umwandlung vom Nominalstil in den Verbalstil. Der Nominalstil, also die übermäßige Verwendung von Substantiven anstelle von Verben (z.B. „Die Durchführung der Prüfung“), ist ein typisches Merkmal von Amts- und Verwaltungssprache. Er wirkt passiv, umständlich und unpersönlich. Aktive Verben machen Texte lebendiger, kürzer und verständlicher. Die folgende Tabelle zeigt, wie signifikant die Ersparnis sein kann.

Nominalstil vs. Verbalstil im Deutschen
Nominalstil (vermeiden) Verbalstil (bevorzugen) Ersparnis
Die Durchführung der Prüfung Wir prüfen -60%
Zur Anwendung bringen Anwenden -66%
In Erwägung ziehen Erwägen -50%
Einer Lösung zuführen Lösen -75%

Indem Sie Ihre Kommunikation von sprachlichem Ballast befreien, stellen Sie nicht nur sicher, dass Ihre Botschaft ankommt, sondern demonstrieren auch Respekt vor der Zeit Ihrer Zielgruppe – ein starkes Signal für Professionalität und Klarheit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Corporate Wording ist ein strategisches Regelwerk, kein kreativer Leitfaden. Es dient der Risikominimierung und Wertsteigerung.
  • Definieren Sie einen klaren Tonalitätskorridor mit harten Regeln (unverhandelbar) und weichen Leitlinien (kreativer Spielraum).
  • Implementierung ist ein Change-Prozess. Setzen Sie auf praktische Werkzeuge, positive Verstärkung und Botschafter-Programme anstatt auf Kontrolle.

Wie eine starke Corporate Identity den Unternehmenswert bei einem Exit oder Verkauf messbar steigert?

Für viele Führungskräfte ist der Wert einer Marke eine „weiche“, schwer fassbare Größe. Doch spätestens bei einem Unternehmensverkauf, einer Fusion oder dem Einstieg von Investoren (M&A) wird die Corporate Identity zu einem harten, kalkulierbaren Faktor. Ein Unternehmen mit einer klar definierten, konsistent gelebten und dokumentierten Markensprache ist nachweislich mehr wert. Warum? Weil eine starke Identität Risiken für den Käufer reduziert, die Post-Merger-Integration vereinfacht und zukünftiges Wachstumspotenzial signalisiert. Corporate Wording wird hier vom Kommunikationswerkzeug zum handfesten Unternehmens-Asset.

Investoren bewerten nicht nur Bilanzen, sondern auch die Stärke und Skalierbarkeit des Geschäftsmodells. Eine inkonsistente Marke deutet auf interne Prozessschwächen und ein unklares Marktprofil hin – beides sind rote Flaggen in einer Due-Diligence-Prüfung. Umgekehrt ist eine starke, durch ein klares Wording gestützte Marke ein Indikator für eine professionelle Organisation. Dies spiegelt sich direkt in der Unternehmensbewertung wider. So zeigen Analysen von KERN Unternehmensnachfolge, dass der EBIT-Multiple bei Unternehmensverkäufen zwischen 3,5 und 7 liegt, wobei starke, gut positionierte Marken durchweg das obere Ende dieser Spanne erreichen.

Wie der Berater Dr. Georg Kraus treffend formuliert, ist ein durchdachtes Wording-System ein direktes Plus in jeder M&A-Verhandlung. Es ist ein Beweis für die Professionalität und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Ein umfassendes Corporate-Wording-System ist ein handfestes Asset, das die Post-Merger-Integration für einen Käufer erheblich vereinfacht und die Kosten nach der Übernahme senkt.

– Dr. Georg Kraus, Due Diligence und M&A Beratung

Um diesen Wert im Falle eines Exits auch realisieren zu können, muss die Markensprache systematisch dokumentiert und ihre Wirksamkeit belegt werden. Ein Ordner mit vagen Markenwerten reicht nicht. Käufer wollen Beweise sehen: einen detaillierten Styleguide, Schulungsnachweise, KPIs zur Markenwahrnehmung und konsistente Kommunikationsbeispiele.

Aktionsplan: So machen Sie Ihr Corporate Wording zum Asset für die Due Diligence

  1. Dokumentation: Erstellen Sie einen vollständigen Corporate Language Styleguide, der Tonalität, Regeln und Anwendungsbeispiele umfasst.
  2. Implementierung nachweisen: Quantifizieren Sie die Schulungsquote der Mitarbeiter am Wording-Guide (Ziel: >80%) und dokumentieren Sie die Existenz von Wording-Champions.
  3. Markenwahrnehmung messen: Untermauern Sie die Markenstärke mit externen Daten, z.B. durch eine Brand-Perception-Analyse oder die Entwicklung des Net Promoter Score (NPS).
  4. Prozesskonsistenz belegen: Dokumentieren Sie, wie einheitliche Kommunikationsprozesse über alle Kanäle (Marketing, Vertrieb, Support) sichergestellt werden.
  5. Touchpoint-Audit durchführen: Belegen Sie die konsistente Anwendung der Markensprache an mindestens 10 zentralen Kundenkontaktpunkten (Website, E-Mails, Angebote, Social Media etc.).

Die bewusste Gestaltung Ihrer Unternehmenssprache ist eine Investition in die Zukunft. Um diesen Prozess zu starten, ist es entscheidend, die Schritte zur Umwandlung Ihrer Sprache in ein messbares Asset zu kennen.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Unternehmenssprache nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern als strategisches Wertgut zu behandeln. Es ist einer der nachhaltigsten Hebel, um Ihre Marke nicht nur unverwechselbar, sondern auch nachweislich wertvoller zu machen.

Geschrieben von Maximilian von Stein, Senior Marketing-Stratege mit Schwerpunkt Inbound-Marketing und Content-Skalierung für den B2B-Mittelstand. Über 15 Jahre Erfahrung in der Entwicklung profitabler Marketing-Automatisierungsprozesse.